Die Zahl der Distressed-Transaktionen wird in den kommenden Monaten stark steigen, erwarten Marktteilnehmer. Allerdings haben sich die Erwartungen an die Bewertungen fast komplett gedreht.

Marktteilnehmer rechnen für dieses Jahr mit einem deutlichen Anstieg an Distressed-M&A-Transaktionen. Das zeigt die Distressed M&A Studie 2021 von Deloitte, deren Ergebnisse FINANCE exklusiv vorab vorliegen. Für die Erhebung wurden mehr als 2.000 Berater, Finanzierer, CROs, Insolvenzverwalter und Investoren zu ihrer Einschätzung zu Trends und Entwicklungen am deutschen Distressed-Markt befragt.

Rund 83 Prozent der Teilnehmer erwarten einen Anstieg der Distressed-Deals am deutschen Markt, 18 Prozent stellen sich sogar auf „deutlich mehr Transaktionen“ ein. Damit hat sich der Anteil derer, die mit deutlich steigender Aktivität rechnen, gegenüber dem Vorjahr von 5 auf 18 Prozent mehr als verdreifacht. Mit weniger Distressed-Deals rechnen dagegen nur rund 7 Prozent.
Sinkende Bewertungen für Distressed Assets
Dabei haben sich die Erwartungen an die Bewertungen von Transaktionen gegenüber dem Vorjahr fast komplett gedreht: 52 Prozent der Teilnehmer gehen davon aus, dass Bewertungen für Distressed Assets in den nächsten zwölf Monaten sinken werden. Weitere 38 Prozent gehen von stagnierenden Multiples aus. Eine steigende Bewertung erwarten dagegen nur noch 10 Prozent der Teilnehmer.

Das sah im Vorjahr noch ganz anders aus: Damals waren noch 20 Prozent der Befragten von einem Anstieg der Bewertungen ausgegangen, gut jeder zweite Teilnehmer erwartete stagnierende Zahlen. Sinkende Bewertungen hatten im Vorjahr nur 29 Prozent der Teilnehmer erwartet. Diese Trendwende bei den Bewertungen kommt ausgehend von einem hohen Niveau: „Die Börsen befinden sich aktuell auf oder in der Nähe ihrer historischen Höchststände. Auch die damit einhergehenden Bewertungsniveaus sind im historischen Vergleich verhältnismäßig hoch“, sagt Thomas Sittel, Partner bei Deloitte.
Distressed M&A: Trend oder Strohfeuer?
Bei der zunehmenden Deal-Aktivität am Distressed-M&A-Markt handelt es sich nach Einschätzung der Marktteilnehmer nicht bloß um ein Strohfeuer: 35 Prozent glauben, dass der Anstieg über einen Zeitraum von zwölf Monaten anhält, weitere 30 Prozent rechnen mit einem sogar noch längeren Auftrieb. Nur ein Prozent der Teilnehmer erwartet einen kurzfristigen Effekt über maximal drei Monate.
Dabei fällt auf: Unter den 30 Prozent, die davon ausgehen, dass die Aktivität am Distressed M&A-Markt über einen Zeitraum von zwölf Monaten hinaus weiter ansteigen wird, sind PE-Investoren überrepräsentiert. 46 Prozent der Teilnehmer mit Private-Equity-Hintergrund rechnen mit einem derart langfristigen Anstieg, in der Gruppe der Manager und CROs sind es dagegen nur 18 Prozent.

„Es könnte sich hierbei um eine Art ‚self fulfilling prophecy‘ handeln“, meint Andreas Kopp, Senior Manager bei Deloitte. „Wir sehen aktuell in laufenden Prozessen, dass die Zahl der interessierten Finanzinvestoren deutlich höher ist als die der interessierten Strategen.“

Distressed M&A: Finanzinvestoren sind besonders aktiv
Die Aktivität der Private-Equity-Häuser am Distressed-Markt liegt der Deloitte-Studie zufolge auf einem historischen Höchststand: Waren in Vorjahren nur an etwa einem Drittel aller Distressed-M&A-Transaktionen Finanzinvestoren beteiligt, stieg dieser Anteil zum Jahresende 2020 auf 42 Prozent. Als Gründe dafür sehen die Studienautoren, dass PE-Investoren einerseits über eine größere Liquidität verfügen, auf der anderen Seite aber auch strategische Käufer während der Pandemie stärker mit internen Themen befasst sind und weniger Fokus auf M&A legen.
Daran dürfte sich in den kommenden zwölf Monaten wenig ändern: 82 Prozent der Teilnehmer glauben, dass Finanzinvestoren verstärkt am Distressed-M&A-Markt aktiv sein werden 42 Prozent glauben, dass es mehr Distressed-Transaktionen mit Family Offices geben wird.

Daran scheitern Distressed-M&A-Deals
Doch die Interessenten prüfen ihre potentiellen Targets genau. Wenn Transaktionen am Distressed-Markt platzen, liegt dies nach Einschätzung der Befragten am häufigsten an mangelnden Erfolgsaussichten beim Turnaround (71 Prozent). Ein unzureichendes Turnaround-Konzept nannten 59 Prozent als Hinderungsgrund. „Wir sehen aktuell bei Distressed Assets eher einen Käufermarkt. Und aus der Sicht eines Käufers ist es entscheidend, wann und vor allem auch wie die Profitabilität des Assets wiederhergestellt werden kann“, sagt Andreas Kopp.
Auch das hohe Preisniveau ist für Distressed-Deals nicht immer förderlich: 44 Prozent nennen zu hohe Kaufpreise als Grund für einen Abbruch, ein Plus von 9 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Für Diskussionen sorgt dabei die Frage, wie sich Coronavirus-Effekte aus der Bewertungsbasis für ein Asset herausrechnen lassen – etwa über ein um Corona-Effekte bereinigtes operatives Ergebnis („Ebitda-C“). Eine solche Bereinigung um Covid-19-bedingte Sonder- und Einmaleffekte werde von den Käufern in der Regel akzeptiert, beobachtet Thomas Sittel. Allerdings: „Es wird durchaus kritisch hinterfragt, ob die im einzelnen aufgezeigten Effekte tatsächlich Einmal-Charakter haben oder nicht doch struktureller Natur sind.“

Als Erfolgsfaktor für einen gelungenen Distressed-Deal gelten nach wie vor eine umfassende Datenaufbereitung (57 Prozent) und eine schnelle Investorenansprache (56 Prozent). Deutlich an Bedeutung gewonnen hat in den unsicheren Zeiten eine breite Ansprache potentieller Käufer: 32 Prozent der Befragten nannten diesen Punkt, ein Plus von 8 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de
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