Die Sorge vor verschleppten Corona-Insolvenzen steigt und damit auch die Angst, auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben. Viele Firmen ziehen Konsequenzen im Zahlungsverkehr – mit brisanten Folgen.

Die befürchtete Pleitewelle in der Coronakrise ist bislang ausgeblieben. Von Januar bis November 2020 meldeten die deutschen Amtsgerichte 14.621 Firmeninsolvenzen. Das waren 15,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch zum Jahreswechsel fiel der befürchtete Anstieg aus. Alles in Lot also? Von wegen. Das Kurzarbeitergeld und milliardenschwere staatliche Rettungspakete halten viele Unternehmen derzeit künstlich über Wasser. Zugleich kaschieren gesetzliche Änderungen die Lage: Im vergangenen Frühjahr hatte die Bundesregierung den Chefs pandemiegeschädigter Firmen erlaubt, auf einen Insolvenzantrag zu verzichten.

Ursprünglich sollten die Erleichterungen nur bis Herbst gelten. Doch dann wurde die Rückkehr zur Insolvenznormalität auf Ende 2020 vertagt und schließlich auf den 31. Januar 2021. Inzwischen gelten Ausnahmen sogar bis zum 30. April, wenn auch nur für Unternehmen, die auf Auszahlungen aus den Coronahilfsprogrammen warten. Allein, derlei Finessen dürften von vielen Geschäftsführern übersehen werden – teils weil schlicht der Überblick verloren ging, teils bewusst, um erstmal weiter zu machen.

Lange Zeit schien das ohne größere Folgen zu bleiben, schließlich blieben auf den ersten Blick nur die Insolvenzzahlen auf niedrigem Niveau. Doch nun zeigen sich die Nebenwirkungen der Pleite-Vermeidungspolitik: Die Unsicherheit in der Wirtschaft wächst und immer mehr Firmen stellen im Zahlungsverkehr auf Vorkasse um.

„Die Sorge vor verschleppten Insolvenzen steigt und damit auch die Angst, auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben“, sagt etwa die Unternehmerin Jeannine Budelmann. Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren, eines Zusammenschlusses von 10.000 Unternehmern und Führungskräften unter 40 Jahren und leitet mit ihrem Mann Christoph ein mittelständisches Elektronikunternehmen in Münster, das Soft- und Hardware für die Industrie herstellt.
Von neuen Lieferanten wird sie inzwischen häufiger gebeten, zunächst per Vorkasse zu zahlen, berichtet Budelmann. „Auch wir haben einige Kunden auf Vorkasse umgestellt, weil sie ihre Rechnungen zuletzt nicht pünktlich bezahlt haben.“ Das sei zwar immer eine schwierige Abwägung, sie wolle schließlich niemanden verprellen. „Aber Zahlungsausfälle können wir uns gerade in Coronazeiten nicht leisten.“ Wie ihr geht es vielen – und das wird zunehmend zum Problem. „Die Gefahr ist groß, dass die Wirtschaft in eine Vertrauenskrise gerät, wenn immer mehr Unternehmen nicht mehr einschätzen können, ob ihr Geschäftspartner solvent ist“, befürchtet Budelmann. Die Folge: Geschäfte verzögern sich, oder werden gleich ganz abgesagt.

„Die fortdauernde Sorge der Wirtschaft und mangelnde Öffnungsstrategien verunsichern Geschäftspartner, Lieferanten und Kreditgeber“, bestätigt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform. „Viele Geschäfte werden, wenn überhaupt, nur noch gegen Vorkasse abgewickelt“, konstatiert Hantzsch. Das würde gerade kleine und mittlere Unternehmen überfordern, die von Lieferungen und Dienstleistungen abhängig sind, um neuen Umsatz und damit Liquidität zu erwirtschaften. „Ohne eine schnelle Normalisierung des Wirtschaftsgeschehens wird es auch weniger Investitionstätigkeit und Risikobereitschaft geben, die aber entscheidend für den Wiederaufschwung unserer Konjunktur ist“, so Hantzsch.

Es fehlt an Eigenkapital

Verschärft wird die Situation, weil andere Möglichkeiten der Absicherung gegen Zahlungsausfälle – etwa über Warenkreditversicherungen – tendenziell schwieriger werden. „Seit rund einem Jahr sind die Versicherer bestrebt, die Prämien anzuheben – das gilt für Neugeschäft wir für Bestandsversträge“, sagt Albrecht Max Vater, Vorstandsvorsitzender des Internationalen Verbands der Kreditversicherungsmakler (Bardo). „Der Risikoappetit ist dabei recht unterschiedlich“, so Vater. Allerdings biete der Markt nach wie vor Kapazität für Neugeschäft. Auch dafür wurde schließlich im Dezember eigens ein Schutzschirmprogramm des Bundes verlängert. Es soll sicherstellen, dass Warenkreditversicherer, Deckungszusagen für Unternehmen aufrechterhalten. Der Bund übernimmt eine Garantie für Entschädigungszahlungen der Kreditversicherer in Höhe von bis zu 30 Milliarden Euro. Doch was passiert Ende Juni, wenn der Schutz ausläuft und Warenkreditversicherungen wieder ins voll ins eigene Risiko gehen müssen? „Wir hoffen, dass auch mit Ablauf des Schutzschirmes kein größerer Rückzug der Gesellschaften“ erfolgt, so Vater.
Ziehen sich Warenkreditversicherer zurück, dürfte die Unsicherheit in vielen Branchen deutlich zunehmen – so sind fast alle Forderungen, die über Factoring finanziert werden versichert. Kappen Warenkreditversicherer die Verträge, dann würde auch Factoring als Instrument zur Liquiditätsbeschaffung nicht mehr funktionieren.

Wie angespannt die Lage bei vielen Unternehmen derzeit finanziell ist, zeigt auch eine Befragung der Stiftung Senat der Wirtschaft unter den Mitgliedsunternehmen, darunter vornehmlich Betriebe mit einer Größe von 50 bis 500 Mitarbeitern. Zwar würden 60 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, die Krise aus eigener Kraft zu meistern. Zugleich sehen aber viele Mittelstandsunternehmen für das Jahr 2021 dringend weiteren Kapitalbedarf, insbesondere, um nach der Krise wieder durchstarten zu können. Es müssen beispielsweise Rohstoffe finanziert oder Vertriebsinvestitionen getätigt werden, um nach der langen Zeit des Lockdowns wieder in einen erfolgreichen Betrieb zu kommen. Doch die finanziellen Reserven sind der Studie zufolge vielerorts erschöpft. Demnach benötigen mehr als 20 Prozent der Unternehmen eine zusätzliche Finanzierung mit Eigenkapitalmitteln zur Überwindung der Coronakrise.

Kein Wunder: Im Zuge der beiden Lockdown-Phasen hat ein nennenswerter Teil der befragten Betriebe bereits zusätzliche Kredite aufnehmen müssen. 26,2 Prozent nahmen die Überbrückungshilfen des Staates in Anspruch. 24 Prozent gaben an, Kreditmittel zur bisherigen Lockdown-Bewältigung eingesetzt zu haben. Immerhin 15,2 Prozent haben als Gesellschafter bereits Eigenkapital nachschießen müssen, also privates Geld zur Krisenüberwindung eingesetzt.

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