So viele Großinsolvenzen wie im Jahr 2019 gab es schon lange nicht mehr: Insgesamt haben 116 deutsche Unternehmen einen Insolvenzantrag gestellt. Das vierte Quartal war besonders hart – vor allem für die Metallindustrie.

Es gibt wieder mehr Insolvenzanträge bei großen Unternehmen: Im Jahr 2019 haben insgesamt 116 deutsche Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 20 Millionen Euro einen Insolvenzantrag gestellt. 2018 gingen lediglich 97 Großunternehmen in die Insolvenz. Mehr Insolvenzen als im vergangenen Jahr gab es das letzte Mal 2013 (151 Anträge).

Diese Zahlen stammen aus dem neuen FINANCE-Insolvenz-Report, den die Restrukturierungsberatung Falkensteg exklusiv für FINANCE anfertigt und den Sie hier kostenlos herunterladen können. Der Report zeigt außerdem, dass die meisten Insolvenzanträge des vergangenen Jahres – 72 an der Zahl – von Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 20 und 50 Millionen Euro gestellt worden sind. Noch im Vorjahr rutschten nur 54 Unternehmen dieser Größenordnung in die Pleite. Damit geht fast der gesamte Anstieg der Insolvenzzahlen auf das Konto dieses Umsatz-Clusters.

Nur eine Riesenpleite im vierten Quartal

Ein Anstieg der Insolvenzen im Jahr 2019 hatte sich schon im ersten Quartal 2019 abgezeichnet, damals wuchs die Zahl der Anträge bereits von 27 auf 29. Der Trend zu mehr Großinsolvenzen setzte sich dann im zweiten und dritten Quartal fort. Die Daten für das vierte Quartal sind gemischt: 33 Insolvenzanträge bedeuteten drei weniger als im Vorquartal und nur zwei mehr als im Schlussquartal 2018.

Zudem gab es im vierten Quartal mit dem Stahlunternehmen Hoesch Schwerter Profile nur eine einzige Pleite eines Unternehmens mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro – das ist unterdurchschnittlich wenig, in den ersten drei Quartale lag der Schnitt bei sieben. Stattdessen traf die Insolvenzwelle Firmen mit einem Umsatz zwischen 50 und 100 Millionen Euro. Elf Unternehmen und damit mehr als doppelt so viele wie im dritten Quartal haben im vierten Quartal einen Insolvenzantrag gestellt.

„Von den fünf größten Pleiten des vierten Quartals stammen drei aus der Metallindustrie.“

Bemerkenswert: Von den fünf größten Pleiten des vierten Quartals 2019 stammen drei aus der Metallindustrie. Neben Hoesch Schwerter Profile, mit 102 Millionen Euro Umsatz und 412 Mitarbeitern in die Regelinsolvenz gegangen, traf es auch den Metalltechniker Schlemmer, ein Portfoliounternehmen des PE-Investors 3i. Die Aschheimer, die mit 431 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von 79 Millionen Euro erwirtschafteten, wählten ebenfalls die Regelinsolvenz. Dritter im Bunde ist der bayerische Blech- und Stahlproduzent Bader mit 40 Mitarbeitern und 78 Millionen Euro Umsatz. Dieser Mittelständler durchläuft die Restrukturierung im Rahmen einer vorläufigen Eigenverwaltung.

Drei Gründe für die Krise in der Metallindustrie

Was sind die Gründe dafür, dass es die Metallindustrie jetzt so stark beutelt? Falkensteg-Partner Johannes Neumann-Cosel sieht vor allem drei Entwicklungen: „Treiber der Konjunktur in der Metallindustrie ist die deutsche Automobilindustrie. Doch diese verzeichnete im vergangenen Jahr laut Gesamtmetall einen Produktionsrückgang von über 11 Prozent.“ Infolge dessen musste die Metallindustrie 2019 einen Produktionsrückgang von 3,5 Prozent verkraften.

Zusammen mit Gegenwind aus der Weltwirtschaft entsteht so ein gefährlicher Cocktail, meint Neumann-Cosel: „Die Stahlindustrie leidet auch unter den Handelskonflikten sowie dem Überangebot von Stahl aus Asien.“ So ist auch die Rohstahlproduktion in Deutschland im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent gesunken – auf den niedrigsten Wert seit der Wirtschaftskrise. Und es wird nicht besser: Anfang Februar hat die amerikanische Regierung nun auch noch ihre Strafzölle auf Produkte wie Stahlnägel, Heftklammern, Draht und Kabel ausgeweitet – ein weiterer Belastungsfaktor für die deutsche Metallindustrie.

Viele Unternehmen aus der Metallindustrie haben sich auf diese Veränderungen nicht vorbereitet, meint Neumann-Cosel. Und für notwendige Investitionen, etwa in die Digitalisierung der Produktion, fehlten die finanziellen Mittel. „Fremdfinanzierungen sind in der Regel durch die hohe Kapitalbindung in dieser Branche schwierig, was die Situation in der Metallindustrie noch verschärft“, sagt der Falkensteg-Experte.

Wenig Hoffnung auf Turnaround der Metallindustrie

Die betroffenen Unternehmen können auch nicht mit Preiserhöhungen kontern, um so die wichtigen Strukturanpassungen zu finanzieren: „Die Kunden sind einfach nicht bereit, mehr für die Produkte zu bezahlen“, sagt Neumann-Cosel. Im Gegenteil: Die weltweiten Preisrückgänge für Stahl sorgen dafür, dass die betroffenen Unternehmen Rohstoffe, die sie in den Vorjahren eventuell teurer eingekauft haben, heute in der Regel nur noch mit Verlust verarbeiten und verkaufen können – ein Teufelskreis, warnt der Falkensteg-Manager: „Sofern die Konjunktur nicht deutlich anzieht, werden wir in der Metallbranche in diesem Jahr noch weiter steigende Insolvenzzahlen sehen.“

olivia.harder[at]finance-magazin.de
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