Bereits das dritte Quartal in Folge ist die Zahl der Insolvenzanträge rückläufig. Doch bei den besonders großen Unternehmen zeigt sich ein anderes Bild.

Wider Erwarten hat die heftige Konjunkturabkühlung in Deutschland immer noch nicht zu einer Insolvenzwelle bei Konzernen und gehobenen Mittelständlern geführt – im Gegenteil: Die Anzahl der Insolvenzanträge bei Unternehmen mit über 20 Millionen Euro Umsatz ist im zweiten Quartal dieses Jahres so niedrig wie seit vier Quartalen nicht mehr – es wurden nur 20 Insolvenzen angemeldet.

Der vorherige Tiefstand lag im zweiten Quartal 2018, als 13 Unternehmen in die Insolvenz gingen. Seitdem schwankte die Insolvenzzahl zwischen 26 und 30 Fällen pro Quartal. Dieser Trend geht aus dem neuen FINANCE-Insolvenz-Report hervor, den die Restrukturierungsberatung Falkensteg exklusiv für FINANCE anfertigt (und den Sie hier kostenlos herunterladen können).

Zahl der Großinsolvenzanträge stagniert seit Monaten

Trotz der rückläufigen Zahlen hält Falkensteg aber an der Erwartung fest, dass die Zahl der Großinsolvenzen bald zunehmen wird. Diese Annahme stützt sich auf der kritischen Entwicklung im Segment der Großinsolvenzen von Unternehmen mit über 100 Millionen Euro Umsatz. Denn deren Zahl sinkt nicht, sondern lag im zweiten Quartal mit sechs Großinsolvenzen auf dem Niveau der Vorquartale.

Prominente Beispiele solcher Fälle gab es im vergangenen Quartal einige: So meldete Senvion im April Insolvenz in Eigenverwaltung an. Der Windturbinenhersteller versäumte Lieferpflichten. Die Liquidität ging zu Neige, und die Geldgeber konnten sich nicht auf eine neue Finanzierungsstruktur einigen. Nun suchen die Sachwalter händeringend einen Käufer. Die Insolvenz betrifft fast 1.500 Mitarbeiter, die zuletzt einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro erwirtschafteten. Vielen von ihnen droht die Entlassung, da sich für wesentliche Teile der Turbinenproduktion bis heute keine seriösen Kaufinteressenten gefunden haben. Die Restrukturierung läuft.

Insolvenzen machen vor keiner Branche halt

Im Mai kam es zu einem zweiten Großinsolvenzantrag: Der TV-Hersteller Loewe rutschte schon zum zweiten Mal in die Pleite. Ein Rückgang von 20 Prozent des Marktes für Fernsehgeräte belastet das Unternehmen enorm. Nun durchläuft das Unternehmen, das 500 Mitarbeiter beschäftigt und 151 Millionen Euro Umsatz macht, eine Insolvenz in Eigenverwaltung.

Dass sich die Großinsolvenzen durch viele verschiedene Branchen ziehen, zeigen auch die folgenden Restrukturierungen: Der Sportfachhändler Voswinkel mit 1.200 Mitarbeitern wird unter einem Schutzschirmverfahren saniert, das Kölner Autohaus Dirkes durchläuft gerade eine Insolvenz in Eigenverwaltung. In die Regelinsolvenz musste die Bäckereigruppe Kronenbrot gehen, die unter anderem Aldi Süd beliefert. Betroffen sind 1.050 Mitarbeiter.

Insolvenzverfahren laufen immer zügiger ab

Doch nach Beobachtungen von Falkensteg gibt es auch gute Nachrichten: Immer mehr Insolvenzen können zügig abgewickelt werden. Die Fluglinie Germania, deren Insolvenzverfahren im April eröffnet wurde, befindet sich bereits im Liquidationsprozess. In diesem Zusammenhang gab es unter anderem eine Online-Versteigerung von Vermögenswerten.

Eine ähnlich schnelle, aber deutlich positivere Lösung wurde auch für die KNV-Gruppe gefunden: Nachdem sich der Logistikdienstleister für die Buchbranche mit den Kosten für den Bau eines Logistikzentrums verkalkuliert hatte, musste er in die Insolvenz gehen.

Buchbranche rettet KNV aus Insolvenz

Die Pleite des systemrelevanten Dienstleisters, der ein entscheidendes Element der Lieferkette zwischen Verlagen und dem Buchhandel ist, verunsicherte die gesamte Branche, berichtet Insolvenzverwalter Tobias Wahl von der Kanzlei Anchor in einem Interview, das im FINANCE-Insolvenz-Report enthalten ist: „Die für den Buchmarkt völlig überraschende Insolvenz war für die Branche ein Schock. Die enorme Unterstützung durch die Branchenteilnehmer und ihr großer Wille, KNV am Markt zu halten, war aber bemerkenswert.“ In einem gemeinsamen Kraftakt konnte das Insolvenzverfahren nach nur fünf Monaten mit einem Verkauf an den deutschen Logistikkonzern Zeitfracht abgeschlossen werden.

Insgesamt konnten Insolvenzen im zweiten Quartal 2019 nicht nur zügiger abgeschlossen werden – den Sanierern gelangen in diesem Zeitraum auch mehr Verfahrensabschlüsse. Zusammengenommen schlossen die Insolvenzverwalter etwa drei Viertel aller offenen Verfahren aus dem vergangenen Jahr und dem ersten Quartal ab. Nur 23 Fälle sind noch ohne Lösung.

olivia.harder[at]finance-magazin.de
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