Die Teilnehmer auf der 13. Distressed-Assets-Konferenz sind sich alle einig: Die Restrukturierungswelle hat Deutschland erreicht. Dabei könnten zwei derzeit populäre Finanzierungsinstrumente wie Brandbeschleuniger wirken.

Die Restrukturierungswelle kommt in diesem Jahr: Darüber ist sich die Mehrheit der Teilnehmer der 13. Deutschen Distressed-Assets-Konferenz einig. Während rund 37 Prozent der Befragten glauben, dass sie schon rollt, meinen weitere 19 Prozent, dass sie im zweiten Halbjahr kommt. Rund 40 Prozent gehen davon aus, dass sie erst im Jahr 2020 richtig anläuft. Lediglich geringe 4 Prozent glauben in absehbarer Zeit nicht an eine Welle.

Das ist das Ergebnis einer TED-Umfrage unter den rund 100 Teilnehmern der Konferenz, die vergangenen Freitag in der Villa Kennedy in Frankfurt stattfand. Dieser Einschätzung schlossen sich auch die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum gleichen Thema an. Andreas Jaufer (Robus Capital), Claus Radünz (LBBW), Oskar von Kretschmann (HSBC) und Robert Meyer zu Starten (Octane Capital) glauben, dass die Welle kommt – allein über die Frage des genauen Zeitpunkts gingen die Meinungen geringfügig auseinander.

Während Claus Radünz und Oskar von Kretschmann meinen, dass die Welle bereits läuft und im dritten und vierten Quartal noch prominenter wird, sah Robert Mayer zu Starten, dass die Welle gerade in ihren Anfängen anläuft und sich in den nächsten Quartalen dieses Jahres noch steigern wird.

Bereits Ende vergangenen Jahres habe sich die Krise in der Automotive-Branche gezeigt. Diese Branche, das veranschaulichte auch der Vortrag von Deloitte-Partner Thomas Sittel, könnte auf den „perfekten Sturm“ zusteuern. Rückläufige Profitabilität und makroökonomische Risikofaktoren tragen dazu bei. 70 Prozent der befragten Teilnehmer erwarteten in der Automobilbranche die meisten Restrukturierungen.

Gefährliche Finanzierungsstruktur bei Gerry Weber

Dabei können komplexe Finanzierungsstrukturen für die kriselnden Unternehmen zur Falle werden. Das zeigte sich bereits beim Eröffnungsvortrag von Florian Frank, CRO bei Gerry Weber. Der Schuldschein des Unternehmens, den rund 120 Gläubiger gezeichnet hatten, habe „wie ein Brandbeschleuniger“ gewirkt, berichtete der CRO. Für ihn wurde die Kommunikation mit den 120 Schuldscheingläubigern zur enormen Herausforderung. Es hätte alleine schon eine Stunde gebraucht, bis alle Investoren sich in einer Telefonkonferenz eingewählt hatten. Am Ende sei die Insolvenz im Januar trotz aller Bemühungen aber nicht mehr abzuwenden gewesen.

Wie ein Neuanfang nach der Insolvenz aussieht, zeigt der Fall Basler. Marc Barrantes erklärte, wie er als ehemaliger Restrukturierer des Modeunternehmens es in das Start-up Tristyle brands einbindete und wieder auf Kurs brachte.

Shake-out bei Unitranche-Finanzierung erwartet

Neben dem Schuldschein könnte die Krise für Unitranche-Finanzierungen gefährlich werden. Das Problem: Viele Private-Equity-Gesellschaften schätzen die Unitranche-Finanzierungen deswegen, weil sie so schnell und leicht zu arrangieren waren. In einer Unternehmenskrise teilen sich der Private-Debt-Investor allerdings selten das Risiko mit anderen Gläubigern, er muss es oft komplett alleine schultern. Gezwungenermaßen müssen sie Krisen entweder aussitzen oder an Distressed-Investoren verkaufen, die mit solchen Situationen besser umgehen können.

49 Prozent aller Teilnehmer stimmten deshalb auch der These zu, dass Distressed-Investoren mehr Geschäft mit Private Debt machen werden. 44 Prozent gehen davon aus, dass es bei den Private-Equity-Investoren zu mehr Abschlüssen kommen wird. Deutlich mehr Geschäfte sollen bei den Banken entstehen (72 Prozent). Vor allem im vierten Quartal wird auch die große Transaktions-Welle kommen, glauben die Teilnehmer.

Die Banken dürften mehr notleidende Kredite verkaufen, weil zehn Jahre nach der Finanzkrise zudem die Personaldecke in Restrukturierungsabteilungen ausgedünnt ist. „Wer kann überhaupt noch Krise?“, war eine viel diskutierte Frage. Überhaupt fehlen vielen Mitarbeitern in Fonds und Banken die Erfahrungen mit wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Hinzu kommen regulatorische Vorgaben wie Basel IV und IFRS 9, die dazu führen, dass Banken ihr Eigenkapital entlasten müssen. Dennoch werde der Schwerpunkt auf Einzeltransaktionen, den sogenannten Single Names, liegen, glaubt Andreas Jaufer von Robus Capital.

Potentieller Rettungsring: vorinsolvenzliche Sanierung

Um Insolvenzen zu verhindern, kann die vorinsolvenzliche Sanierung helfen. Das EU-Verfahren, das in den kommenden Jahren in deutsches Recht umgesetzt wird, stellte Alexandra Schluck-Amend vor. Die Partnerin bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle erklärte das neue Verfahren, bei dem Unternehmen die Möglichkeit haben, vor einer Insolvenz zu sanieren und sie zu umgehen.

Im Gegensatz zu den vorherigen Verfahren können Unternehmen nur Bereiche zum Sanieren anmelden, es gebe dann kein ausschließliches Gesamtverfahren mehr. Deshalb handelt es sich auch nicht mehr um ein öffentliches Verfahren. Eine weitere Besonderheit ist das Moratorium, bei dem Gläubiger, hier Klassen genannt, das Recht zur Kündigung hat. In der Regel braucht das Unternehmen die Zustimmung von 75 Prozent jeder Klasse, um das Verfahren durchzuziehen. Die Expertin geht davon aus, dass das Verfahren nötig ist und kommen wird. Allerdings bleiben in der Praxis einige Fragen offen, wie zum Beispiel die Frage nach der Aufsicht über das nicht öffentliche Verfahren. Eine generelle Aufsicht kann sich Juristin Schluck-Amend nicht vorstellen.

Die Mehrheit der Teilnehmer schloss sich an: Fast 80 Prozent halten die vorinsolvenzliche Sanierung generell für positiv, 10 finden sie schlecht und genauso viele sind unentschieden.

Auch die abschließende Expertenrunde um Steffen Reusch (BDO Restrukturing), Florian Joseph (Helaba), Tjark Thies (Insolvenzverwalter) und Boris C. Liffers (German Consulting Group) hielten die Idee des neuen Verfahrens gut. Allerdings blieb hier die Diskussion offen, wer dieses Verfahren verwalten wird und wie zukünftig das Jobprofil eines Restrukturieres und Insolvenzverwalters aussehen wird. Ein Stück weit seien die Insolvenzverwalter bereits durch das ESUG zu Sanierern geworden, sagte Tjark Thies. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) glaubt allerdings nicht, dass die Insolvenzverwalter auf breiter Front zu Restrukturierern werden.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de
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