Wegen der anhaltenden Nullzinspolitik wächst unter Sanierungsfinanzierern die Angst vor einer Zombifizierung deutscher Unternehmen. Sie wehren sich deshalb gegen eine mögliche Reform des Insolvenzrechts.

Die Unruhe unter Sanierungsexperten von Banken und Private-Equity-Gesellschaften wächst. Einer Umfrage der Restrukturierungsberatung CIC Consultingpartner zufolge, die FINANCE exklusiv vorliegt, stufen zwei Drittel der Befragten die Gefahr einer sogenannten Zombifizierung deutscher Unternehmen als „bedeutend“ ein.

Sie rechnen damit, dass die Zahl der Firmen, die ihre Schulden nicht mehr tilgen können, künftig steigen wird. CIC hat insgesamt 113 Experten für Restrukturierung befragt, die mit großer Mehrheit für Banken oder andere Finanziers tätig sind.

Niedrigzinsen begünstigen Zombie-Unternehmen

Ein wichtiger Grund für diese Angst dürfte das anhaltende Niedrigzinsumfeld in der Euro-Zone sein. Dieses erleichtert es hoch verschuldeten Unternehmen, neue Kredite zu geringen Zinsen aufzunehmen und damit alte, höher verzinste Schulden zurückzuzahlen. So werden diese Zombie-Firmen, die keinen profitablen Geschäftsbetrieb mehr haben, am Leben gehalten.

Kurzfristig ist das nach Meinung der befragten Sanierungsfinanzierer zwar kein Problem: 72 Prozent der Befragten rechnen damit, dass die EZB ihre Nullzinspolitik erst in drei Jahren beenden wird. Sollte es danach zu einem Platzen der Verschuldungsblase kommen – sofern eine solche wie von den Work-out-Bankern befürchtet entsteht –, wäre dies allerdings umso bedenklicher für die betroffenen Unternehmen und die Wirtschaft.

Überschuldung soll Insolvenzgrund bleiben

Die Folge: Zwei Drittel der Befragten lehnen es daher ab, den Überschuldungstatbestand aus dem deutschen Insolvenzrecht zu streichen. Derzeit muss ein Unternehmen in Deutschland dann Insolvenz anmelden, wenn es zahlungsunfähig oder überschuldet ist. Allerdings gibt es aktuell die Überlegung, den Grund der Überschuldung zu streichen.

Hintergrund ist die anstehende Reform des Insolvenzrechts. Bereits seit dem vergangenen Frühjahr steht fest, dass Deutschland ein präventives Sanierungsverfahren einführen muss, so will es eine EU-Richtlinie. Ziel ist es, pleitebedrohten Unternehmen die Möglichkeit zur frühzeitigen Rettung zu geben. In diesem Zuge wird auch über Insolvenzgründe diskutiert.

Auch zu einer anderen Debatte, die im Zuge der Einführung eines präventiven Sanierungsverfahrens in Deutschland geführt wird, haben die befragten Distressed-Investoren eine klare Meinung: Auf die Frage, wer als Restrukturierungsbeauftragter für solche Situationen zugelassen sein soll, gaben 93 Prozent an, dies sollten „nur entsprechend qualifizierte Personen mit Erfahrungen im Bereich von Unternehmenskrisen“ sein.

Insolvenzverwalter halten dagegen nur 4 Prozent der Finanzer für geeignet, ein solches Verfahren als Restrukturierungsbeauftragter zu begleiten. Wie genau das Profil eines Beauftragten definiert wird, ist noch offen. Grundsätzlich soll er aber als Mediator bei den Verhandlungen mit Geldgebern helfen und zugleich außerdem die Schuldner überwachen.

Distressed-Investoren rechnen mit mehr Sanierungsfällen

Insgesamt rechnen die Befragten mit einer deutlich steigenden Zahl an Restrukturierungen: 88 Prozent gehen davon aus, dass in den kommenden zwölf Monaten mehr Unternehmen saniert werden müssen, 12 Prozent erwarten gleichbleibende Fallzahlen. Mit weniger Restrukturierungen rechnet kein Finanzer.

Als besonders krisenanfällig bewerten die Distressed-Investoren in den kommenden zwölf Monaten die Automobil- und Zuliefererbranche. Auf Platz zwei folgt der Maschinen- und Anlagenbau noch vor dem Bereich Textil und Bekleidung, der mit bekannten Krisenfällen wie Gerry Weber und Tom Tailor lange ein Sorgenkind der Work-out-Banker war.

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